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Respekt

Ein wichtiges Thema in den politischen Diskussionen der letzten Zeit ist: Respekt! Das berührt mich auch ganz persönlich. Ich weiß aus meiner eigenen Biografie und bis heute, was es bedeutet, wenn mit einem Menschen respektlos umgegangen wird. Lautstark am Gartenzaun in Wahlkämpfen: „Wenn Sie einen deutschen Namen hätten, würde ich Sie wählen!“

Wenn heute Fackelzüge von Impfgegnern, Querdenkern und Rechtsextremen vor den Privathäusern von Amtsträgern stattfinden, dann ist das nicht nur respektlos, sondern auch gefährlich. Denn aus Worten werden Steine, werden Terrorakte.

Ich habe mir auf meinem Lebensweg Respekt verschafft. Respekt darf aber nicht etwas sein, das man sich verschaffen, verdienen muss. Respekt im Umgang steht  jeder und jedem von uns unaufgefordert und wie selbstverständlich zu, das betrifft die Kassiererin, die beschimpft wird, weil sie einen Kunden auffordert, Abstand zu halten. Das betrifft den Taxifahrer der als „Kameltreiber“ beschimpft wird, weil er seinen Fahrgast auffordert, die Maske korrekt aufzusetzen. Das betrifft Pflegerinnen und Pfleger in den Krankenhäusern, den Pflegeinrichtungen, den Pflegediensten, die in dieser Zeit immer wieder Übermenschliches leisten. Das betrifft unsere Polizei und Rettungsdienste die uns helfen wollen. Ich weiß aus eigenen Gesprächen, dass viele Pflegekräfte, wenn sie mal wieder einen schwer erkrankten Patienten behandeln, der sich nicht hat impfen lassen, in ihrer grenzenlosen Nächstenliebe aufs Äußerste gefordert sind.

Respekt und der Umgang auf Augenhöhe – über alle Ethnien, Religionen, Nationalitäten und sexuelle Orientierungen hinweg – müssen so selbstverständlich werden, wie das Luftholen. Wir müssen Respekt ins Zentrum unserer gesellschaftlichen Debatten setzen. Dort, wo mit Mitbürgerinnen und Mitbürgern an ihrem Arbeitsplatz, in ihrem Leben immer wieder respektlos umgegangen wird, müssen wir als Bürgerinnen und Bürger Stellung beziehen und an der Seite derjenigen stehen, die von Respektlosigkeit betroffen sind. Das betrifft unsere Polizei, die Paketzustellerinnen und Zusteller, die bis zur  letzten Minute noch Weihnachtsgeschenke ausliefern, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Ordnungsbehörden, in den Kindergärten, in den Schulen. Respekt verdienen Journalisten, Kameraleute,  Fotografen, die hasserfüllt als „Lügenpresse“ beschimpft und tätlich angegriffen werden. Respekt verdienen auch die mutigen Passanten, die Zivilcourage beweisen und einschreiten, wenn Ungerechtigkeiten und Gewalt vor ihren Augen geschehen.

Zum Tag der deutschen Einheit war ich bei der jüdischen Gemeinde in Gelsenkirchen als Vertreter der SPD Landtagsfraktion zu einem Konzert mit den Liedern der „Niederrhein Comedian Harmonists“ eingeladen. Auf dem Programm standen die Lieder, die das weltberühmte Ensemble 1934 bei ihren letzten Konzerten gesungen hat, bevor die jüdischen Mitglieder des Ensembles aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Hinter mir saß ein altes Ehepaar, damals aus Deutschland vertrieben. Sie haben überlebt, ihre Familien verloren, sind zurückgekehrt. Die beiden hielten sich an den Händen und weinten still und leise vor sich hin.

Das hat mich tief berührt und ich erinnere daran, dass in Moers gerade am 11. November an der Haltestelle der damaligen Straßenbahnlinie nach Krefeld an die jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger unserer Stadt gedacht wurde, die dort am 10. November mit wenigen Habseligkeiten im Handgepäck die Straßenbahnwaggons  zu einer Fahrt ins Ungewisse bestiegen, die für fast alle in den Tod führte. Viele haben damals zugeschaut, wegeschaut, mitgemacht, in den Verwaltungen die Formulare ausgefüllt,  Ausquartierungen amtlich bestätigt.

Der mangelnde Respekt innerhalb unserer Gesellschaft und die steigende Bedrohung durch Diskriminierung, Extremismus, Rassismus, Ausgrenzung und Grenzüberschreitungen sind – gerade in Anbetracht unserer allgegenwärtigen Geschichte – traurig und erschütternd.

Respekt wechselseitig und für Respekt untereinander einzutreten darf niemals und nie wieder irgendjemanden ausgrenzen. Dia Pandemie hat uns noch fest im Griff und nie seit dem zweiten Weltkrieg sind jung und alt, über alle Generationen hinweg, wieder darauf angewiesen, in einer Krisenzeit zurecht zu kommen, sich zu arrangieren und nie waren und sind wir so darauf angewiesen, dass wir uns einander zuwenden. Tun wir das nicht nur jetzt in der Advents- und Weihnachtszeit sondern auch darüber hinaus in das neue Jahr hinein auf immer, täglich,

Ihr Ibrahim Yetim

Weihnachten 2021