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Begrüßungsrede zum Comedian Harmonists Konzert in der Synagoge Gelsenkirchen

Sehr geehrte Damen und Herren, verehrte Mitglieder der jüdischen Gemeinde, verehrte Frau Neuwald-Tasbach,

auch im Namen meines Kollegen Andreas Bialas danke ich für die Einladung, dass wir heute bei Ihnen und mit Ihnen in Ihrer Synagoge dieses Konzert erleben dürfen.

Der schreckliche Aufmarsch am 12. Mai vor Ihrer Neuen Synagoge mit 180 hasserfüllten Menschen, die „Juden raus!“ brüllten, haben mich, haben uns zutiefst erschreckt und zutiefst beunruhigt. Frau Neuwald-Tasbach: Sie haben auf die vielen Solidaritätsbekundungen mit den Worten geantwortet: „Wir fragen uns, wie kann es sein, dass sie uns so hassen und dass auch Kinder und Jugendliche dabei waren?“ Diese Worte haben mich besonders berührt. Sie zeigen deutlich, dass sich in den letzten Jahrzehnten ganz grundlegend etwas in unserem Land geändert hat. Hetze, Hass und Parolen werden wieder beklatscht und finden eine immer größere Anhängerschaft in den unterschiedlichsten Milieus. Es sind immer Worte, die zu Steinen werden und schreckliche Taten zur Folge haben.

Ereignisse wie der 12. Mai mögen für den ein oder anderen Einzelereignisse sein, aber wir dürfen diese nicht verharmlosen. Ich erinnere an den Anschlag auf die Synagoge in Halle an Jom Kippur 2019 mit zwei Toten, wo nur eine starke Tür Schlimmeres verhindert hatte. Ich erinnere an den Anschlag in Hanau 2020 mit neun Toten. Und ich erinnere mich auch sehr intensiv an den Brandanschlag in Solingen 1993. Meine Mutter sagte damals zu mir: „Siehst Du, die Deutschen wollen uns nicht, sie verbrennen uns sogar“. Ich entgegnete ihr, dass es nicht die Deutschen seien, sondern wenige Verblendete, durch Worte aufgehetzte Ewiggestrige. Die Angst konnte ich ihr nicht nehmen. Auch mir selbst nicht, aber die Hoffnung ist geblieben. Die Hoffnung dürfen wir uns auch niemals nehmen lassen. Denn dann hätten die Gegner einer friedlichen, vielfältigen, bunten und respektvollen Gesellschaft gewonnen.

Deshalb war und ist es richtig, dass in dem zurückliegendem Wahlkampf der Respekt, die wechselseitige Wertschätzung und Achtung im Umgang miteinander durch eine Partei ins Zentrum gesetzt wurde. Es darf nicht sein, dass Menschen wegen ihrer Religion, ihres Aussehens, ihrer Herkunft, ihrer sexuellen Orientierung bedroht und angegriffen werden, sie gezeigt und gesagt bekommen: Ihr gehört nicht dazu! Ihr gehört nicht hierher!

Frau Neuwald –Tasbach, liebe Gemeinde, erlauben sie mir einen weiteren ganz persönlichen Bezug. In diesem Jahr feiern wir: 60 Jahre Anwerbeabkommen mit der Türkei. Auch meine Eltern sind so nach Deutschland gekommen und haben hier Arbeit und eine neue Heimat gefunden. Ich bin hier geboren und aufgewachsen. Ich kenne aus eigenem Erleben das Gefühl, wenn einem gezeigt wird: „Du gehörst nicht dazu!“. Aber ich bin auch, so wie Sie alle hier, eine von vielen, vielen tausend unterschiedlichsten Biografien, die gezeigt haben, dass wir für unser Land ein Geschenk, ein Glücksfall sind, der ganz wesentlich nicht nur den wirtschaftlichen Erfolg und Wohlstand unseres Landes erwirtschaftet hat, sondern auch diese Gesellschaft repräsentiert. Wir gehören zu denen, die dieses Land so vielfältig, so bunt und respektvoll gestaltet haben, das lässt mich positiv in die Zukunft schauen. Ein Miteinander auf Augenhöhe, Respekt im Umgang miteinander, gleiche Chancen und Möglichkeiten für jede und jeden sind möglich. 1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland zeigen, das wir zusammen gehören, heute, morgen, immer!

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit. Shalom!