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Ansprache zum Volkstrauertag

Heute, am Volkstrauertag, haben wir uns hier versammelt, um die Erinnerung an die Schrecken des Krieges und ihre Lehren daraus wachzuhalten.

Wir erinnern uns gemeinsam an die getöteten Soldaten und Zivilisten der beiden schrecklichen Weltkriege, die Deutschland erlebt hat und für die es Verantwortung trägt; wir erinnern an Menschen, die ihr Leben in der Gefangenschaft oder auf der Flucht verloren haben; wir gedenken der mutigen Männer und Frauen, die sich widersetzt haben gegen die Nazidiktatur und ihren Widerstand mit ihrem eigenen Leben bezahlen mussten; wir erinnern an Mitbürgerinnen und Mitbürger, die verfolgt und vernichtet wurden, weil sie als Jüdinnen und Juden, Kranke oder Mitglieder ethnischer oder gesellschaftlicher Minderheiten nicht in das von Hass und Unmenschlichkeit getriebene Weltbild der Nationalsozialisten passten.

All das ist viele Jahre her und doch darf die Erinnerung daran nicht verschwinden. Auch viele Jahrzehnte später hat der stille Gedenktag, zu dem wir heute zusammengekommen sind, nicht an Bedeutung verloren. Ja, wir erleben eine Zeit des Friedens und der Sicherheit innerhalb Deutschlands, sogar innerhalb Europas. Wir verzeichnen 76 Friedensjahre in den Staaten der Europäischen Union seit 1945, das ist historisch gesehen nicht viel und doch ist es die längste ununterbrochene Friedenszeit auf unserem alten Kontinent. Dieser Frieden ist keine Selbstverständlichkeit. Für unseren Frieden haben frühere Generationen ihr Leben gelassen. Dieser Frieden wurde hart erkämpft und noch heute müssen wir jeden Tag für unsere Werte, für unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt und unsere demokratische Ordnung kämpfen.

Denn die Demokratiefeinde sind längst unter uns. So scheint es, als haben viele Menschen in diesem Land eben nicht verstanden, wozu Hass und Spaltung führen können. Als habe die Geschichte sie nichts gelehrt.

Vor wenigen Wochen war ich zu einer Veranstaltung in die Synagoge in Gelsenkirchen eingeladen worden und durfte auch dort einige Worte zur Begrüßung sagen. Vielleicht erinnern Sie sich, am 12. Mai fand dort ein schrecklicher Aufmarsch mit 180 hasserfüllten Menschen, die unter anderem „Juden raus!“ brüllten, statt. Das hat mich zutiefst erschreckt und zutiefst beunruhigt. Die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Gelsenkirchen, Judith Neuwald-Tasbach, hat eine Frage gestellt, die mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf geht:

„Wir fragen uns, wie kann es sein, dass sie uns so hassen und dass auch Kinder und Jugendliche dabei waren?“

Diese Worte haben mich besonders berührt und aufgewühlt. Sie spiegeln die Veränderung wider, die seit einigen Jahren in unserem Land stattfindet. Hetze und Hass werden wieder beklatscht und werden wieder gesellschaftsfähig. Der Rechtsextremismus findet Anklang in allen Milieus und er sitzt mit uns im Landtag und im Bundestag. Seine Anhänger werden skrupelloser und gewaltbereiter.

Ereignisse wie der 12. Mai sind keine Einzelereignisse. Erinnern wir uns an den Anschlag auf die Synagoge in Halle an Jom Kippur 2019 mit zwei Toten oder an den Anschlag in Hanau 2020 mit neun Toten. Vor wenigen Tagen jährte sich die Selbstenttarnung des NSU zum zehnten Mal, und noch immer verschließen viele Menschen die Augen vor der Wahrheit: es gibt nach wie vor rechtsextremen Terror in Deutschland. Die Wurzeln dessen sind nie ganz verschwunden und wir sind an einem Punkt angelangt, an dem wir all unsere Kräfte vereinen müssen, um diese Entwicklung aufzuhalten.

Wir haben in unserer Geschichte mehr als einmal gesehen, wozu Hass, Gewalt und Diskriminierung führen können, wenn wir nicht vorher für Frieden, Freiheit und Demokratie einstehen. Wir haben die schrecklichen beiden Weltkriege erlebt, die Millionen von Menschen getötet haben, obdach- und heimatlos gemacht haben. In aller Schrecklichkeit hat die Zeit nach dem Krieg uns als Nation zusammengeschweißt. Dennoch wird unser Zusammenhalt derzeit wieder auf eine harte Probe gestellt. Gerade in Krisenzeiten, wie wir sie seit Beginn der Corona-Pandemie wieder erleben, werden viele Menschen dazu verleitet, ihren Unmut und ihre Unzufriedenheit auf dem Rücken Schwächerer auszutragen und unsere gesamte Grundordnung infrage zu stellen. Verschwörungstheorien verbreiten sich rasend schnell und nicht selten haben sie das Ziel, ganze Bevölkerungsgruppen zu diffamieren. Diese Taktik ist nicht neu und doch scheinen viele Menschen wieder anfällig dafür zu sein und lassen sich davon mitreißen.

Der heutige Volkstrauertag soll uns eben auch eine Mahnung sein. Eine Aufforderung, all diese gesellschaftlichen Entwicklungen ernst zu nehmen und dagegenzuhalten.

Also lassen Sie uns weiter erinnern, wachsam bleiben und in die Welt hinaus tragen, weswegen wir uns hier heute versammelt haben: wir wollen den Krieg hinter uns lassen und für eine friedliche und geeinte Welt kämpfen.